Ein Spiel für Riesen: Chocolat

Bald ist ja Ostern. Oder das Frühlingsfest, für alle, die im Mann am Kreuz nur einen Propheten sehen. (Was ich sehr sinnvoll finde, aber das ist ein anderes Thema.)

Jedenfalls. Es ist Ostern, und darum will ich an dieser Stelle unbedingt mal einen der faszinierendsten Märkte aller Zeiten ehren: Chocolate, Choc-au-lait, Schoggi. Was dort passiert, ist ein Wunderwerk des modernen Kapitalismus – mit aller Härte, Spannung und Brillianz.

Lange Wege, teure Lager

Das Schokoladegeschäft ist tough. Der Rohstoff wächst in einigen der prekärsten Staaten der Welt, mitsamt Armut, Unruhen, Ernteausfällen. Die Wege sind lang, die Lager teuer, die Börsen launisch. Wer nicht aufpasst, geht unter. Wer zu klein ist, auch.

Darum suchen Schokoladenkonzerne dauernd nervös nach Übernahmekandidaten – nach gescheiterten Konkurrenten, gierigen Erben, geschwächten lokalen Partnern. Darum kämpfen sie so gnadenlos und mit geschlossenen Reihen.

Das hier ist ein Spiel für Riesen.

Und alles, was wir davon zu sehen bekommen, sind all diese süssen Schnäuzchen und Glöcklein und leeren Äuglein.

P. S. Kauft heute die ZEIT: Dort erzähle ich, wie die Schweizer Lindt vom Confiseur zum Milliardenkonzern wurde. Und wie sie es schafft, trotzdem so geliebt zu werden.

Ein einäugiges Wesen oder: Warum Löhne so verschieden sind

Frohes neues Jahr, liebe Freunde!

Ich sass ein bisschen in meiner Höhle dieser Tage. Dort habe ich viel zu viel gegessen und gegrübelt, dafür aber bei der Rückkehr an die frische Luft etwas lange Geplantes mitgebracht: eine Abrechnung mit dem kindlichen Glauben, dass ein hoher Lohn vor allem mit einer herausragenden persönlichen Leistung zu tun hat. Und ein schlechter mit Faulheit und/oder Dummheit*.

Das ist naives, anmassendes, uninformiertes Geschwätz. Wie viel jemand verdient, hat vor allem mit einem zu tun: Damit, wie unser System im grossen Ganzen funktioniert. Und mit Macht.

Wer das nicht versteht, wird nie verstehen, warum „der Markt“ alleine nie alles löst. Dieser „Markt“ ist ein ziemlich brutales, einäugiges, unberechenbares Wesen. Und nein, das ist nicht einfach sozialistischer Lärm – dazu später mehr.

Mehr Reichtum

Also, jedenfalls, das System funktioniert so: Chance auf viel Geld hat, wer mit einer Stunde seiner Arbeit möglichst viel Reichtum schafft. Also einen grossen Hebeleffekt hat. Darum verdient jemand, der mithilfe einer Maschine 10‘000 Brote backt mehr als jemand, der in derselben Zeit von Hand zehn backt. Oder jemand, der als Ingenieur eine solche Maschine baut mehr als jemand, der in derselben Zeit einen Küchentisch zimmert. Oder sich um einen alten Menschen oder ein Kind kümmert. Jemand, der einem Verlag einen Bestseller im englischsprachigen Raum beschert mehr als einer, der dies in der Türkei tut. Er schafft ganz einfach mehr Reichtum.

Das leuchtet natürlich ein. Kein Chef wird jemandem auf lange Frist ständig mehr bezahlen, als er ihm bringt. Und es hat eine grosse positive Kraft – weil wir es so schaffen, mit immer weniger Ressourcen immer mehr Probleme zu lösen. Gleichzeitig ist es natürlich auch unbarmherzig, schwierig, gefährlich. Und es beantwortet nicht ansatzweise alle Fragen.

Grosse persönliche Hingabe

Eine der drängendsten ist die, wie wir damit umgehen, dass oft genau jene Tätigkeiten, die zwischenmenschlich wertvoll sind und uns froh machen – und die es künftig besonders viel braucht -, wenig Geld bringen: sich um andere Menschen zu kümmern, Pflege, Kunst, Handwerk, Unterricht. All dies erfordert grosse persönliche Hingabe. Und die hat eben definitionsgemäss einen geringen Hebeleffekt, bringt also kaum Geld.

Das wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Die digitale Revolution wird nach der Musikindustrie, dem Buchhandel und den Medien eine Branche nach der anderen aufbrechen – Taxi, Gastgewerbe, Banken, Versicherungen. Tätigkeiten, die sich heute noch lohnen, werden unrentabel. Der Hebeleffekt wird immer grösser: Wer Technologie besitzt oder mit ihr umgehen kann, wird gefragter und reicher, dafür gestresster, alle anderen ärmer.

Allerlei Szenarien

Es gibt allerlei Szenarien, wohin das führt. Eines davon ist gar nicht düster: All jene Arbeit, die Technologie für uns übernehmen kann, lassen wir sein und widmen uns stattdessen eben jenem, das den Menschen einzigartig macht. Vernetztes Denken, Kommunikation, Soziales, Kunst, Lehre, Beratung. Manches davon im Kleinen privatwirtschaftlich finanziert, anderes kooperativ, sei es über Aufgabenteilung in der Familie, über Crowdfunding, Stiftungen oder den Staat. Weil ausserdem alles effizienter und darum billiger wird, können wir davon leben.

Uaaaaaah!

Food for thought. You’re welcome. I’m chewing on it, too.

P. S.: Kauft heute die ZEIT. Dort steht drin, wie die Löhne in der Schweiz aussehen. Warum der Unterschied bei uns eben gerade nicht so gross ist. Und warum Macht so eine wichtige Rolle spielt.

*So wie damals im Tal auf dem Kartoffelacker: Wer mehr Kartoffeln setzt und sie besser pflegt, wird auch mehr ernten. Wer sie stattdessen isst und vernachlässigt, nicht. Es sei denn, ihn trafen Fäule oder Käfer; dann lassen wir allenfalls Milde walten. (Obwohl, unter uns, Gott schon weiss, wen er straft, nicht wahr. Herrje)