Fast zehn Jahre.

Heute bin ich nach fast zehn Jahren wieder nach St. Gallen gereist; in die Stadt, in der ich studiert habe. Hier eine Auswahl dessen, was ich seither gelernt habe.

  1. Kaum etwas prägt das Leben eines Menschen so wie die Frage, ob er Geld verdienen muss oder nicht.
  2. Menschen aus dem Vor-Internetzeitalter haben tatsächlich mehr Mühe damit, sich auf Argumente statt auf Hierarchie zu verlassen.
  3. Freier Wille ist ein Mythos. Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
  4. Es ist kaum zu glauben, wie sehr sich die Lebenswirklichkeiten von Menschen unterscheiden.
  5. Es ist kaum zu glauben, wie vielen Menschen das nicht bewusst ist.
  6. Das Leben zwingt einen zu viel mehr Kompromissen, als ich einst dachte. Reines Glück gibt es nur im Moment.
  7. Bei den meisten Entscheiden geht es nicht um Leben oder Tod.
  8. Rituale machen froh.
  9. Man kann den meisten Menschen mehr vertrauen, als ich dachte.
  10. Was aus der Ferne glitzert, ist von nah meist beruhigend banal.

 

Wolfsjagd.

Kürzlich sass ich im Büro eines schlauen Steuerberaters hoch über den Strassen Frankfurts. Der Mann hilft reichen Deutschen, Steuern zu sparen. Dazu muss er nichts Illegales tun; er nutzt lediglich die Lücken, die das Recht ihm bietet.

Ich dachte nach unserem Gespräch lange darüber nach, was eine Gesellschaft zusammen hält. Es ist im Grunde ganz einfach: Der Mensch verzichtet dafür, dass er Teil einer Gruppe sein darf, auf einen Teil seiner ganz egoistischen Vergnügen. Es ist dies, die Kooperation, die uns zur stärksten Spezies auf Erden machte. Wie ein Gepard laufen kann und ein Skorpion stechen, können wir denken und zusammenarbeiten. Ein einzelner Mensch überlebt nicht lange.

Zusammenarbeit bedingt Vertrauen. Es ist das alte spieltheoretische Dilemma: Nur, wenn ich mich auf den anderen verlassen kann, schütze ich auch ihn statt nur mich.

Nun ist es so, dass dieser Gesellschaftsvertrag zu bröckeln begonnen hat. Besonders in grossen Gemeinschaften, in Deutschland oder den USA, verabschieden sich die ganz oben und die ganz unten aus der Gemeinschaft. Der Journalist Walter Wüllenweber hat dazu ein exzellentes Buch geschrieben, „Die Asozialen“.

Eine beliebte Reaktion auf diesen Vertragsbruch ist es, Gesetze zu fordern. Sie sollen die Abtrünnigen zurück in die Gemeinschaft zwingen.

Das Problem ist nur: Gesetze lassen immer Lücken. Ermessensspielraum, in dem wiederum das Vertrauen spielen muss. Wenn nun aber Menschen jede Lücke nutzen, um sich asozial zu verhalten, wird Vertrauen zerstört. Die Betrogenen ersinnen noch mehr Gesetze und noch mehr. Bis kein Vertrauen mehr übrig ist, dafür eine ganze Bibliothek voller Zwangsmassnahmen.

Daran musste ich denken, als ich mit dem Steuerberater sprach. Wie alle Menschen seiner Zunft erklärte er, dass sich seine Klienten wehren müssten, gegen den Staat, der ihnen mit immer mehr Gesetzen zu Leibe rückt. Der Staat wiederum muss sich nach seinem Dafürhalten wehren, weil das Vertrauen nicht mehr spielt. Und am Schluss bleibt nur noch Wut.

Man kann, sagt der brilliante Andrew Haldane, Komplexität nicht mit Komplexität bekämpfen.