Cheers, “NZZ am Sonntag”

“NZZaS”-Chefredakteur Felix E. Müller hat mir heute gleichzeitig eine grosse Freude gemacht und mich sehr verärgert.

Die neue Zeitung ist fantastisch. Grosszügig, ganz viel Hintergrund, weg vom Tagesgeschehen, schöne Infografik. Viel mehr Gesellschaft und Wissen als Schweizer Politik. Genau das, was eine Wochenzeitung im Jahr 2013 tun muss. Cheers, “NZZ am Sonntag”!

Dann aber schreibt Felix E. Müller im Editorial etwas, was mich wütend macht. Er behauptet, man habe den langsamen Journalismus in der jüngeren Vergangenheit als “dem Untergang geweiht” gesehen. Als die “schöne neue Welt” habe das Digitale, Schnelle gegolten, “von stets neuen Gadgets getrieben”.

Das stimmt so einfach nicht. Viele Journalisten, insbesondere auch jüngere, schreiben seit Jahren das exakte Gegenteil. Es hat ihnen nur in den grossen Verlagshäusern lange niemand zugehört.    

Seit Jahren pochen wir verzweifelt darauf, dass unsere Zeitungen endlich weg müssten von Aktualitätswahn, Zitierungswahn und Primeurjagd. Dass man endlich das Nachrichtengeschrei sein lässt, die Pseudo-Objektivität und die ewige Frage nach dem  ”Aufhänger”. Constantin Seibt etwa schreibt genau das immer und immer wieder in seinem Blog. Ich habe es beispielsweise hier und hier geschrieben. Der frühere “NZZaS”-Mitarbeiter Daniel Puntas Bernet gründete sogar folgerichtig das Magazin “Reportagen“, das nur auf langsamen und subjektiven Journalismus setzt. Dasselbe tut der “Schweizer Monat“.

Diese Analysen sind nur bis heute kaum in den Verlagsspitzen angekommen.

Und zwar aus dem Denkfehler heraus, es gehe hier um Print oder Online, das sie noch immer “neue Medien” nennen und per se des Teufels (nur noch Trash) oder dann per se toll (gefällt “den Jungen”) finden. Der Grund für die Misere der Verlagshäuser ist aber nicht “online”, und dass man darauf ungenügend aufgesprungen wäre. Der Grund für die Misere ist, dass Medienhäuser wegen des Internets ihr bequemes Informationsverbreitungsmonopol verloren haben. Weil jetzt jeder Information verbreiten kann, ist reine Information nichts mehr wert. Darum zahlen Leser nicht dafür (Lesermarkt) und Werbekunden müssen nicht mehr zwingend bei Zeitungen inserieren, um ihre Kunden zu erreichen (Werbemarkt). Nachrichten sind schlicht und einfach wertlos geworden, seien sie noch so exklusiv (die Exklusivität hält geschätzte zwei Minuten an).

Daran ändert sich kein bisschen was, wenn man Nachrichten einfach online stellt, statt sie auf Papier zu drucken. Wieso auch?

Aber wenn man als einzelner Journalist oder als Unternehmen über Jahrzehnte hinweg so einfach so viel Geld verdient hat, dauert es eine elend lange Zeit, bis eine solch drastische Wahrheit ankommt. Da geht es den Medien nicht anders als jeder anderen Branche nach einem Strukturbruch, aktuell in der Schweiz etwa den Banken.

Es tut wahnsinnig gut zu sehen, dass die “NZZ am Sonntag” verstanden hat und in ein schönes Layout, gute Texte und tolle Infografiken investiert (mit Sicherheit auch bald online, wo man noch mehr machen kann) statt in billige Massenportale.

 

 

2 comments

  1. Ping: Alles neu macht die NZZ am Sonntag | Zürcher Presseverein
  2. Ping: Zürcher Presseverein » Alles neu macht die NZZ am Sonntag

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>